Michelangelo – Die delphische Sibylle

Das Christentum wird herausgefordert, seitdem es existiert, und es ist in seiner Geschichte aus zahlreichen Krisen immer wieder gestärkt hervorgegangen. Die Kirche ist die älteste lebendige Institution der Menschheitsgeschichte, und sie wird nach christlicher Überzeugung bis zum Ende der Zeit bestehen.

Herausforderungen für das Christentum im Europa der Gegenwart

Das Christentum in Europa steht jedoch in Folge des Wirkens destruktiver geistiger Kräfte in seinem Umfeld und in seinem Inneren seit mehr als zweihundert Jahren einem kulturellen Auflösungsprozess gegenüber, der mit immer gravierenderen Herausforderungen verbunden ist.

Eine Religion ist der Kern jeder Hochkultur, weshalb Kulturen, die sich von der Religion abwenden aus der sie hervorgingen, auflösen und zerfallen. Die schrittweise Abwendung von seinen christlichen Wurzeln fügt Europa entsprechend schweren Schaden zu. Es lebt von einer kulturellen Substanz, die in früheren Jahrhunderten geschaffen wurde, und die zunehmend verbraucht und immer weniger erneuert wird.

Dieser Auflösungsprozess vollzieht sich langsam aber stetig mit aufeinander aufbauenden Schritten. Er ist über kurze Zeiträume kaum wahrnehmbar, aber bei der Betrachtung längerer Zeiträume erschließen sich Umfang und Ausmaß seines destruktiven Wirkens. Dieser Prozess beschleunigt sich zunehmend und hat gegenwärtig einen Punkt erreicht, an dem die verbliebene kulturelle Substanz gefährlich schwach geworden ist.

  • Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. beobachtete 2004, dass die tragenden seelischen Kräfte Europas weitgehend abgestorben seien und der Kontinent von innen her geistig leer geworden sei. Dies habe auch materielle Auswirkungen, und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Er verglich das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase.
  • Der Theologe Dietrich Bonhoeffer sprach vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten von einer gegenwärtigen Zeit der „Auflösung alles Bestehenden“, in der das Abendland selbst christusfeindlich geworden sei und und die Kirche zusammen mit dem „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, als Hüter des christlichen Erbes wirken müsse.

Der beschriebene Auflösungsprozess führte im Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits zu einer Reihe größerer Verwerfungen, etwa in Form von Revolutionen und der Herrschaft materialistischer Utopien und atheistisch-totalitärer Ideologien über weite Teile Europas und den damit verbundenen Katastrophen.

Die kommenden Verwerfungen

Eine Fortsetzung dieser zunehmend krisenhaften Entwicklung ist in den bevorstehenden Jahren und Jahrzehnten wahrscheinlich, und in ihrem Verlauf kann nicht nur Europa, sondern auch das Christentum in Europa und in der Welt dauerhaften Schaden erleiden.

Noch ist offen, ob sich dieser Prozess schrittweise über lange Zeiträume entfalten und in zunehmend ungünstiger werdenden Bedingungen äußern wird, oder ob er mittelfristig in einer Serie von Katastrophen mündet. In jedem Fall stehen nicht nur dem christlichen Europa schwierige Zeiten bevor.

Ausblick

Diese Herausforderungen stellen jedoch auch eine Chance für das Christentum in Europa dar, das sich unter dem Druck dieser Entwicklungen erneuern muß. Dabei kann es zu neuer Kraft und Größe finden, wenn es ihm gelingt, sich von den Folgen der Anpassung an Weltanschauungen der Aufösung und der Instrumentalisierung durch sie innerlich zu befreien. Auch die zunehmende Herausforderung durch den Islam und islambezogene Konflikte in Europa kann positiv zu einer solchen Erneuerung beitragen.

Stand: 30.05.2017