Erzbischof Luc Ravel: Demographische Verdrängung des Christentums in Europa

Iwan Aiwasowski - Ansicht Konstantinopels (ca. 1850)

Der frühere französische Militärbischof und aktuelle Erzbischof von Straßburg, Luc Ravel, hat jüngst vor den Folgen der demographischen Entwicklung für das Christentum in Europa gewarnt. Dabei bezog er sich auch auf Gedanken des französischen Philosophen Renaud Camus, der die Folgen dieser Entwicklung als „großen Austausch“ beschrieben hatte. Dieser sei mit Islamisierungsprozessen, einem zunehmenden Verlust an kultureller Substanz (déculturation) und anderen negativen Erscheinungen verbunden.

Hintergrund

Erzbischof Ravel war in der Vergangenheit dadurch bekannt geworden, dass er als Militärbischof die demographischen Folgen der in ganz Europa im großem Maßstab vollzogenen vorgeburtlichen Tötung von Kindern durch Abtreibung mit denen des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen gegen die eigene Bevölkerung verglichen hatte. Gleichzeitig hatte er gesagt, dass das Christentum gegenwärtig sowohl durch eine Gott karikierende, menschenverachtende islamistische Bewegung als auch durch Gott verachtende und die Natur des Menschen leugnende säkulare Strömungen herausgefordert werde.

Camus gehört neben dem Schriftsteller Michel Houellebecq, dem Publizisten Éric Zemmour, dem Philosophen Alain Finkielkraut und dem Schriftsteller und Lektor Richard Millet zu den „neoreaktionären“ französischen Intellektuellen, die vor einem säkularen weltanschaulichen Hintergrund die kulturellen Folgen von demographischer Entwicklung und Massenzuwanderung in Europa wiederholt kritisch kommentiert haben.

Insbesondere Camus war von seinen Gegnern in diesem Zusammenhang verbreitet vorgeworfen worden, dass seine überwiegend negative Bewertung dieser Phänomene Ausdruck von „Verschwörungstheorien“ sei. Lorenz Jäger hatte dem in seinem 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Aufsatz „Identitätspolitik und lokale Gemeinschaften“ entgegnet, dass zahlreiche Sachverhalte Camus Warnungen eher stützen würden. So werde auf politischer Ebene die Auflösung gewachsener kultureller Substanz in Europa vielfach aus ökonomischen Gründen als anzustrebendes Ziel betrachtet und aktiv gefördert. Soziologische Untersuchungen würden gleichzeitig belegen, dass der damit verbundene Verlust an kultureller Substanz überwiegend negative Folgen habe, etwa für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen innerhalb von Gesellschaften.

Auch eine vor einigen Monaten erschienene Studie „The Changing Global Religious Landscape“ des Pew Research Center hatte die demographischen Grundlagen der entsprechenden Warnungen im Wesentlichen bestätigt, insbesondere was die Auswirkungen der angesprochenen Entwicklungen auf das Christentum in Europa angeht. Demnach werde der hohe Migrationsdruck auf Europa aus dem muslimisch-geprägten Nordafrika und dem Nahen Osten anhalten und sich weiter verstärken. In Europa werde der Anteil der Muslime an Bevölkerungen aufgrund von höheren Geburtenraten und Migration weiter zunehmen, während der Anteil der Christen vor allem aufgrund niedrigerer Geburtenraten sowie schwächeren religiösen Bindungen stark zurückgehen werde. (ts)

2 Kommentare

  1. Camus kann man durchaus kritisch sehen. Seine von homosexuell-pornographischen Elementen geprägtes literarisches Werk (sein künstlicherisches Verdienst ist es etwa, das Cruising-Genre begründet zu haben) sollte zumindest Fragen danach aufwerfen, inwiefern man ihn als kompetente und glaubwürdige Autorität betrachten kann, was den Einsatz für die traditionelle Kultur Europas angeht. Als Schriftsteller und Philosoph ist er auch keine Autorität, was demographische Fragen angeht.
    Es wäre besser, wenn man sich bei solchen (sicherlich begründeten) Warnungen auf Experten zu dem Thema beziehen würde und nicht auf fragwürdige Schriftsteller, und auch der Bischof tut sich keinen Gefallen damit, dass er dies tut. Wahrscheinlich war seine Absicht, mit Camus einen nicht-katholischen Kronzeugen zu bemühen, aber wie man sieht ist auch Camus politisch in Ungnade gefallen seitdem er zum Dissidenten geworden ist.

    • @Morbrecht
      Sie sagen es selbst: Camus ist zum Dissidenten geworden und hat sich aus der progressiven Zwangsvereinnahmung gelöst, die ihn darauf reduzieren wollte, ein homosexueller Schriftsteller zu sein, der wegen seiner sexuellen Neigungen die gesamte progressive Agenda unkritisch zu teilen habe. Er hat bewiesen, dass für ihn die Suche nach Wahrheit und nicht die Parteilinie im Vordergrund steht, und das spricht m.E. für und nicht gegen ihn.

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