Bischof Stefan Oster: Gegen einen christlichen „Humanismus der Nettigkeit“

Jesus Christus greift das Heer des Tieres an - Aus dem Zyklus der Apokalypse von Angers (ca. 1380)

Der Passauer Bischof Stefan Oster hat im Zusammenhang mit der abnehmenden Bindungskraft des Christentums in Deutschland und Europa auf das Problem der Tendenz zur Weichzeichnung Jesu Christi im Sinne eines „Humanismus der Nettigkeit“ hingewiesen. Für die Nachfolge Christi könne man Menschen nur gewinnen, wenn man Jesus Christus auch richtig und vollständig darstelle:

Bischof Oster ermutigte dazu, wieder den ganzen Jesus zu verkündigen und dadurch eine neue Leidenschaft für Christus zu entfachen: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann!“ Dass es um unser Heil gehe und nicht um einen „Humanismus der Nettigkeit“, gelte es aber auch mit Überzeugung zu vertreten, so der Bischof. „Wenn wir einen Jesus verkünden, der Wellness lehrt, dann werden wir irrelevant“.

In einem anderen Zusammenhang sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer kürzlich, dass Christen dazu berufen seien,  das „Salz der Erde“ zu sein und nicht der „Zuckerguss“.

Hintergrund

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte in seinen „Letzten Gesprächen“ 2016 geäußert, dass er eine eine „gewisse Verachtung“ gegenüber bestimmten Fehlentwicklungen in der katholischen Kirche empfinde, etwa gegenüber einer „kitschigen Frömmigkeit und Übersentimentalität“.

Der Autor Leon J. Podles hatte 1999 ein im englischsprachigen Raum stark wahrgenommenes Werk mit dem Titel „The Church Impotent: The Feminization of Christianity“ veröffentlicht, in dem er in diesem Zusammenhang Feminisierungstendenzen im europäisch-geprägten Christentum untersuchte.

  • Er stellte in diesem Zusammenhang fest, dass maskuline Spiritualität, die im Christentum traditionell eine große Rolle spielte, vor allem seit dem 19. Jahrhundert sowohl im Katholizismus als auch im Protestantismus in den Hintergrund getreten sei. Maskulinität würde in beiden Konfessionen im europäisch-geprägten Kulturraum mittlerweile häufig eher als ein zu bekämpfendes Problem wahrgenommen.
  • Aspekte maskuliner Spiritualität wie der Ruf zu Dienst und Opfer sowie asketische Elemente oder die Bereitschaft, sich in den Gegensatz zur umgebenden Welt zu stellen, seien im Zuge dieser Entwicklung stellenweise aus dem europäischen Christentum verschwunden. Jesus Christus, der über den größten Teil der Geschichte des Christentums auch in seinen Eigenschaften als Held, siegreicher Kämpfer gegen das Böse und König dargestellt worden sei, wäre in diesem Zusammenhang verbreitet zu einer von femininen, weichen Eigenschaften geprägten Gestalt umgedeutet worden.
  • Studien würden belegen, dass sich in Folge dessen Männer mit dem Grad ihrer Maskulinität vom Christentum abwenden würden.

Diese Entwicklung sei vor allem deshalb ein Problem, weil sie zu einer verzerrten Darstellung des Christentums führe und viele Männer vom Christentum abstoße. In zweiter Linie führe dies dazu, dass der Kirche, der Kultur und dem Gemeinwesen die Männer und der männliche Geist des Dienstes zunehmend fehlen würden, den sie dringend benötigten.

Vor allem in der katholischen Kirche wird die Tradition männlicher Spiritualität in kleinen Gemeinschaften jedoch weiter gepflegt und ist nie verlorengegangen, sondern nur weniger sichtbar als in der Vergangenheit. (ts)