Kardinal Sarah: Ein identitätsloses Europa ist „dem Untergang geweiht“

Robert Kardinal Sarah, Urheber: François-Régis Salefran/ CC BY-SA 4.0

Der aus Guinea stammende Robert Kardinal Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als ein möglicher Kandidat für das Amt des Papstes. Er warnt in einem aktuellen Gespräch vor islambezogenen Herausforderungen für Europa und den Gefahren, die durch den in Europa zu beobachtenden Identitätsverlust entstehen.

Gegenüber einem Vertreter der Organisation „Kirche in Not“ sagte er:

Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.

Kardinal Sarah hatte europäischen Regierungen zuvor Tatenlosigkeit angesichts der zunehmenden Aggressivität radikal-islamischer Akteure vorgeworfen:

Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?

In Anknüpfung an die klassische katholische Position in dieser Frage sieht er das Christentum gleichermaßen durch radikale Strömungen im Islam und utopische säkulare Ideologien herausgefordert:

„Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus“, sagte Sarah […]. Die Kirche befinde sich zwischen dem Götzendienst westlicher Freiheit und dem islamischen Fundamentalismus, beides seien „apokalyptische Bestien“, ergänzte Sarah. „Wir befinden uns, um einen Slogan zu benutzen, zwischen ‚Gender-Ideologie und IS'“ […]. Die größten Bedrohungen für die Kirche seien auf der einen Seite schnelle und leichte Scheidungen, Abtreibungen und die Homo-Ehe. Auf der anderen Seite stünde „die Pseudofamilie im ideologisierten Islam, die Polygamie, eine Abwertung der Frau, sexuelle Sklaverei, und die Kinderheirat legitimiert“.

In jüngerer Zeit ist die Tendenz zu erkennen, dass Repräsentanten der Kirche, die nicht aus Europa stammen, häufig entschiedener für das Christentum in Europa einreten als dessen europäische Vertreter und entsprechende Herausforderungen auch deutlicher benennen. Eine stärkere Rolle solcher außereuropäischen Stimmen in der Kirche wäre vor diesem Hintergrund kein Verlust für das Christentum in Europa, sondern vielmehr ein Gewinn. (ts)

10 Kommentare

  1. Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?

    Ich habe den Eindruck, dass in dieser Hinsicht unsere Demokratie funktioniert und die Regierenden hier tatsächlich dem Willen und der Einstellung der Mehrheit entsprechen. Ich will die Regerenden damit nicht aus der Verantwortung entlassen, die Mehrheit der Bürger bekommt aber doch in dieser Hinsicht das, was sie sich wünscht.

  2. Falls es ein Trost ist: Die Niederländer, Österreicher und Franzosen haben sich für das selbe „weiter so“ entschieden. Kurz vor den Wahlen hat die niederländische Regierung einen Sturm im Wasserglas entfacht, um sich gegenüber Erdogan als Wahrer der nationalen Interessen aufzuspielen. Nach den Wahlen war bei den türkisch-niederländischen Beziehungen wie durch Magie wieder alles in Butter. In Frankreich haben die Eliten im letzten Augenblick eine neue Protestbewegung aus dem Hut gezaubert und dem Volk einen ihrer Schüler, Macron, als Change-Kasperle verkauft- 23% haben den Köder mit Begeisterung gefressen. In Österreich wird demnächst ein auf national getrimmter Grüner die Frauen aufordern, als Solidarität Burka zu tragen und unzuverlässigen Wählern die schuldige Hand abzuhacken.
    Entweder gibt es im Westen wirklich eine latente Todessehnsucht, schon immer der Schlußakt einer dekadenten Kultur; oder es ist nur nur das erbärmliche kleinbürgerliche „Es soll sich was ändern, doch alles soll so bleiben, wie es ist.“

  3. Nein, ich glaube nicht, dass sich die Situation mit „kleinbürgerlichem“ Verhalten erklären lässt. Ich habe das Gefühl, es mit einem (pseudo-)religiösen Kult zu tun zu haben. Die Menschen glauben an Gleichheit, Demokratie und Feminismus mit einer Inbrunst, mit der ihre Vorfahren an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist geglaubt haben. Diese Pseudoreligion wird gelebt, verlangt Opfer und gibt den Anhängern, das Gefühl Heilige zu sein.

    Die Regierung zu ändern, würde uns nicht viel helfen, wenn nicht auch dieser Kult, der Grundlage des selbstzerstörerischen Handelns ist, beseitigt wird. Ich fürchte deshalb auch, dass eine rein weltliche Kritik an den herrschenden Zuständen, keine Hoffnung auf Erfolg gibt.

    Ohne einen Glauben in einen Religionskrieg zu ziehen, ist wie wenn man mit einem Messer bewaffnet zu einer Schießerei geht.

  4. @ Karl
    Möchte Ihnen zu Ihrem Beitrag vom 1. 5., 9.23 Uhr ausdrücklich zustimmen.

    Man könnte es auch so sagen, dass es in den meisten Menschen zu jeder Zeit der Geschichte eine Art naturgegebenes Glaubensbedürfnis gibt.
    Womöglich deshalb, weil die Verlorenheit, Grausamkeit und Haltlosigkeit der Welt sonst schwer zu ertragen wären.
    Im Gegensatz zu vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden ist der Glaube an etwas überirdisch Göttliches, erst recht an einen personenhaften Gott aber durch die wissenschaftliche Aufklärung des 19. und 20. Jahrhunderts kaum noch vermittelbar. Noch schärfer formuliert: theistische Kulte jeder Couleur sind heute diskreditiert.
    (Exkurs: Der Boom des Islams scheint dem zu widersprechen, doch löst sich der Widerspruch auf, wenn man bedenkt, dass er vielerorts von Menschen aus vormodernen-archaischen Verhältnissen praktiziert wird und andererseits hauptsächlich nur als Identifikationsmittel dient.)

    Nachdem theistische Kulte der Wissenschaft wegen für die Masse nicht mehr glaubwürdig geworden sind, hat sich das Glaubens- und SinnBEDÜRFNIS der Leute ein neues Feld gesucht.
    Sie haben das das in Ihrem Beitrag sehr gut auf den Punkt gebracht:
    „Die Menschen glauben an Gleichheit, Demokratie und Feminismus mit einer Inbrunst, mit der ihre Vorfahren an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist geglaubt haben. Diese Pseudoreligion wird gelebt, verlangt Opfer und gibt den Anhängern, das Gefühl Heilige zu sein. “

    Dass es sich um eine Religion neuen Typs handelt, eine nichttheistische Religion nämlich, die den Menschen selbst vergöttlicht, interessiert zwar die vergleichenden Religionswissenschaftler, wirkt sich aber nicht auf die Inbrunst der Gläubigen aus.
    Und ja, natürlich handelt es sich eigentlich um eine Pseudoreligion, um Hybris und erinnert an den Turmbau zu Babel.

    Trotzdem – ebenso wie vor 300 oder 400 Jahren wird auch heute die nun mal vorhandene Religion – damals das Christentum, heute der pseudoreligiöse „Menschismus“, (vgl. http://www.jf-archiv.de/archiv15/201538091154.htm ) bzw. der humanitäre Universalismus – von den Mächtigen als Opium fürs Volk genutzt. Dass diese neue (Pseudo)-religion der passende geistige Überbau zum Globalismus der Eliten ist, muss kaum erwähnt werden.

    Deutschland als abhängiges Gebilde und als die bevorzugte Plattform der Globalisten ist das Kerngebiet des neuen Glaubens, doch sind andere europäische Länder auch schon missioniert.
    Von daher sind leider auch meine Erwartungen einen größeren Widerstandskraft in anderen Staaten der EU (z.B. Frankreich) ernttäuscht worden. Allein Ungarn oder Tschechien zeigen eine gewisse Widerständigkeit, weil die Missionare des neuen Glaubens hier noch nicht sehr lange unterwegs sind.

    @ Attila Varga (30. 4.)
    Das gedankliche Konzept einer „latenten Todessehnsucht“ scheint mir gegeben.
    Die Auflösung im … früher hätte man Nirwana gesagt.

    • Lieber Waldgänger,
      die Osteuropäer haben einen „Standortvorteil“: Ihr Lebensstandard ist nicht so hoch, daher haben die dortigen Mittelschichten bei einem Konflikt mit der NWO nicht sehr viel zu verlieren. Bei Ungarn kommt noch der „Arminius“-Effekt hinzu. Viktor Orbán wurde früher von Soros gefördert und kennt daher die Mechanismen des Gegners. Als „Abweichler“ wird er besonders heftig angegriffen, ist aber mit deren Strategien gut vertraut. Dies sind wir hier im Westen zwar inzwischen auch, doch haben weder das Volk noch die Regierenden genug Überlebensinstinkt, um diese Bevormundung als Tatsache zu akzeptieren.

  5. Lieber Karl,
    dann haben wir es tatsächlich mit einer Neuauflage der jakobinischen Zivilreligion ( de facto-Verbot des katholischen, dann auch des hugenottischen und jüdischen Gottesdienstes; als Ersatz Anbetung der Freiheit incl. Fallbeil und Umzüge mit antiken Tempeln, Etruskergräbern, bukolischen Landschaften aus Sperrholz und Pappe) und der kommunistischen Religion (Menschenopfer im Genozid-Maßstab, Anbetung von Propheten und ihrer Schriften, Reliquienkult mit einbalsamierten Führern) zu tun.
    Dann wäre noch eine Frage zu klären: Wenn es hart auf hart kommt und die Politik der offenen Türen sich als doch keine so gute Idee erweist, wie viele dieser“ Heiligen“ sind bereit, das Martyrium auf sich zu nehmen?

  6. @Attila Varga
    Todessehnsucht triff es wohl ganz gut. Ich glaube aber, auch wir, ich sage mal frei heraus Rechten, Konservativen usw. haben ein subkutanes Verlangen nach einem gewissen Ernstfall, nach einer latenten Gefahr, die die identitären Reihen schließt. Ich behaupte: Es herrscht auch bei uns eine unglaubliche Langeweile in bezug auf die fade, pazifizierte und sterile globalistische Moderne, die vll nicht zufällig auch die Schöße der Frauen sterilisiert. „Decline porn“ würde ich es vll nicht pauschal nennen, aber es gibt diese Faszination darüber, ein „neues Mittelalter“ könne „endlich“ die Moderne hinwegfegen und die identitären Reihen wieder schließen, den anthropologischen Normalzustand praktisch wiederherstellen, der aus permanenter Gefahr, aber eben auch aus „Burgen“ besteht, in die man sich zurückziehen kann. Ich glaube jedenfalls, jeder von uns ist zugleich entsetzt und elektrisiert, wenn er sich die Entwicklung Europas ansieht.

    • Lieber Graurabe, leider muss ich Ihnen recht geben. Da wir „Reaktionäre“ auch unsere Nischen haben, ist uns, umgeben von Unsereiner, schon mal ein „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“ herausgerutscht. Immerhin ging es uns wie dem Frosch, der nicht merkt, dass er gekocht wird, weil die Wassertemperatur nur langsam ansteigt-bis zum Herbst 2015, als jemand die Herdplatte auf 6 drehte.
      Gönnen sie uns unsere Burgen, denn unsere Gegenspieler haben schon welche! Sie leben in bewachten Villenvierteln, in festungsartigen Landresidenzen oder haben, wie Soros ua., in Südamerika einen Altersitz von der Größe einer kleineren Republik gekauft. Denn diese Herrschaften wollen ebenso wenig unter den Folgen des von ihnen inszenierten Chaos leiden, wie wir auch.

    • Werter Graurabe
      Was mich anbelangt, habe ich kenerlei „subkutanes Verlangen nach einem gewissen Ernstfall, nach einer latenten Gefahr“.
      Mir geht es ähnlich wie Thomas Hoof, der 2011 folgendes sagte:
      „Ich kann mir für mein letztes Lebensviertel durchaus was anderes vorstellen, als noch einmal in einen Systembruch gezogen zu werden, der diesmal wahrscheinlich die Form eines Bergrutsches annehmen wird. Also, ich fiebere dem großen Knall ganz gewiss nicht entgegen. Aber dass er kommen wird, scheint mir … unausweichlich.“
      Quelle: https://www.brandeins.de/archiv/2011/warenwelt/der-aus-aussteiger/

      • Geehrter Konservativer,
        ich würde auch nicht von Entgegenfiebern sprechen, sondern eher von einer stillen Faszination ob der aufpoppenden Assoziationen, wenn heute wieder so Begriffe wie „Völkerwanderung“, „Festung Europa“, „Dschihad“, „Kalifat“, „Enthauptung“ etc. pp. im Umlauf sind.

        Verstehen Sie mich nicht falsch, damit meine ich eben kein Aufgeilen, sondern ich glaube tatsächlich dass der Mensch, auch und vll gerade der spätabendländische und insbesondere historisch und traditional fühlende sich nach i.w.S. „Abenteuern“ sehnt und dass das möglicherweise der banale Hintergrund für die Wiederkehr der Barbarei sein könnte. Der Versuch einer Erklärung dieser „Todessehnsucht“, die in meinen Augen zumindest auf der Rechten eher ein Drang zum Ausbruch aus der Verhausschweinung ist. Aber das ist um Gottes Willen kein Aufruf zum fröhlichen Fatalismus! Eher nach dem Motto: Die Barbaren kommen, so sei es. Jetzt haben wir zumindest mal wieder eine heroische Aufgabe.

Kommentare sind deaktiviert.