Migration und die Zukunft Europas: Katholische Stimmen

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar

Auf Grundlage der katholischen Naturrechts- und Soziallehre ist es möglich, Antworten  auf existentielle Herausforderungen für Deutschland und Europa im Sinne des Gemeinwohls zu formulieren. Dazu gehört auch die Herausforderung durch Migration.

Entsprechende Impulse sind jedoch in den vergangenen Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund. Dies liegt auch an Fehlern jener Teile der Kirche, die diese Ideen seit den 60er Jahren schrittweise aufgaben und sich säkular-utopischen Gegenentwürfen zuwandten und dab. Damit handelten sie trotz der oft vorhandenen guten Absicht angesichts der überwiegend negativen praktischen Folgen der Umsetzung solcher Ideologien nicht nur zum Schaden des Gemeinwohls, sondern auch zum Schaden der Glaubwürdigkeit der Kirche und des Christentums.

Dieser Glaubwürdigkeitsverlust wird auch aktuell dadurch verstärkt, dass gerade solche aktivistischen Stimmen oft besonders positive mediale Aufmerksamkeit erhalten, was bei manchen Beobachtern den Eindruck erzeugt, dass solche Stimmen mit dem identisch seien, was das Christentum in dieser Frage an Antworten anzubieten hat.

In dieser laufend aktualisierten Übersicht sollen daher jene Stimmen hervorgehoben werden, die in Migrationsfragen gemessen an den zu beobachtenden Entwicklungen realistischere und verantwortungsbewusstere Positionen vertreten haben und es weiter tun. Diese Stimmen sind wichtig, weil sie deutlich machen, dass die katholische Kirche auch was die Herausforderung durch Migration angeht unverändert über eine geistige Grundlage und das Potential verfügt, um den kulturellen Auflösungstendenzen der Gegenwart zu begegnen und sie zu überwinden. Es ist zudem keine andere Institution erkennbar, die dies auch nur annähernd leisten könnte.

Bei allen zitierten Stimmen handelt es sich dabei um Amts- und Würdenträger der katholischen Kirche, die in der Hierarchie der Kirche höhere Ränge einnehmen, sowie um Persönlichkeiten, die im geistigen Leben der Kirche eine besondere Rolle spielen.

  • Thomas von Aquin (Theologe, Philosoph, Heiliger der katholischen Kirche, Kirchenlehrer und eine der wichtigsten Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte): Die zentrale Aufgabe eines gerecht handelden Staates sei die Sicherstellung des Gemeinwohls. Der Umgang mit Fremden sei vor diesem Hintergrund zu gestalten. Fremden, die als Reisende auftreten und sich an das Gesetz halten, sei Gastfreundschaft zu gewähren. Fremde, die sich dauerhaft niederlassen wollten, müssten sich kulturell assimilieren, damit ihre Präsenz nicht im Widerspruch zum Gemeinwohl stehe bzw. damit sie dazu einen Beitrag leisten könnten. Vollständige Assimilation erfordere oft mehrere Generationen. Die Präsenz feindseliger Fremder hingegen schade dem Gemeinwohl grundsätzlich und sei daher auch grundsätzlich abzulehnen.
  • Katechismus der Katholischen Kirche (1992 von Papst Johannes Paul II. approbiert): Der Staat sei in erster Linie dem Gemeinwohl verpflichtet. Ein Gemeinwesen solle nach seinen Möglichkeiten auch Fremden in Not helfen, aber ein Migrant hätte als Gast auch Verpflichtungen gegenüber seinen Gastgebern, etwa „das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen.“
  • Papst Benedikt XVI.: Dem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte Europas, das im Zuge der Durchsetzung säkularer Ideologien mittlerweile von „als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass“ geprägt sei, entspräche es, „dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen“ erscheine. Es gäbe in Europa eine „seltsame Unlust an der Zukunft.“ Ein Gemeinwesen könne „ohne Richtpunkte des Eigenen nicht bestehen“.
  • Papst Johannes Paul II: Staaten seien sittlich verantwortlich, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls” durchzuführen. Es müsse dabei das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.
  • Papst Franziskus erklärte (vermutlich als Antwort auf aus dem Kontext gerissene Darstellungen früherer Äußerungen von ihm) ausdrücklich, dass er nicht Verzicht auf Schutz von Grenzen fordere, und dass es Aufgabe der Politik sei, „die europäische Identität zu bewahren„. Die Voraussetzung für Frieden unter den Völkern sei die Achtung der eigenen Identität ebenso wie die Achtung Identität von Fremden.
  • Peter Kardinal Turkson: Der Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, das sich als päpstliche Behörde auch mit Migrationsfragen befasst, warnte im Kontext mit ungesteuerter Migration nach Europa vor Konflikten, die hierdurch erzeugt und verstärkt werden können.
  • Pietro Kardinal Parolin: Der im Vatikan für dessen politische und diplomatische Aktivitäten tätige Kardinal bezeichnete Migration als Herausforderung für das geistliche und kulturelle Erbe Europas.
  • Kurt Kardinal Koch: Bezüglich der Präsenz des Islam in Europa dürfe es keine Blauäugigkeit geben, insbesondere was die Aggressivität des Islam angehe. Es sei auffällig, dass sich vor allem das linke Spektrum für islamische Interessen einsetze, obwohl islamische Überzeugungen oft im Widerspruch zu linker Weltanschauung stehen würden. Europa könne die Begegnung mit dem Islam nur dann bestehen, wenn es zu seinen christlichen Wurzeln zurückfände.
  • Georg Gänswein (Erzbischof und Privatsekretär von Papst Benedikt XVI.): Es gäbe Islamisierungsversuche, die eine Gefahr für die Identität Europas darstellen und nicht weggeredet werden dürften. Papst Benedikt XVI. habe in seiner islamkritischen  Regensburger Rede dem entgegenwirken wollen.
  • Christoph Schönborn (Erzbischof/Wien): Nachdem frühere Versuche der islamischen Eroberung Mitteleuropas abgewendet wurden, deute sich nun ein neuer Eroberungsversuch an. Europa sei dabei, sein christliches Erbe zu verspielen und habe kein geistliches Rüstzeug mehr, um der Herausforderung durch den Islam zu begegnen.
  • Rudolf Voderholzer (Bischof/Regensburg): Der Islam beruhe auf Negation der  Kerninhalte des Christentums. Nur wer das Christentum nicht kenne oder nicht ernst nehme, könne eine Integration des Islams in Europa für möglich halten.
  • Andreas Laun (Weihbischof/Salzburg): Es sei angesichts von zunehmender islambezogener Gewalt in Europa ein wehrhafteres Christentum vonnöten, „in dem Sinne, dass Christen aufhören, den Islam schönzureden oder so zu tun, als ob der Islam eine friedliebende Religion wäre“.
  • Kurt Krenn (Bischof/St. Pölten): Es drohe eine Islamisierung Europas. Der Islam könne in seiner vitalen und aggressiven Art nicht mit dem Christentum in Europa zu einer politischen Einheit zusammenfinden.
  • Stefan Oster (Bischof/Passau): Das Verhalten und Auftreten von Islamvertretern im Zusammenhang mit Terrorismus und anderen islambezogenen Problemen werfe grundsätzliche Fragen bzgl. des Verhältnisses des Islams zu anderen Religionen auf.
  • Karl Wallner (Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz): Nach Anschlägen muslimischer Migranten kritisierte er die Beschwörung von „Werten“ in den Reaktionen darauf: „Unter ‚Werten‘ versteht man dabei einen orientierungslosen Tolerantismus, der hedonistisch, identitätsvergessen und daher schwach ist. […] Eine Beschwörung von genau jenen ‚Werten‘, die der eigentliche Grund für diese ungeheure Destabilisierung Europas sind, ist das, was uns am allerwenigsten in eine friedliche Zukunft hilft.“
  • Robert Spaemann (katholischer Philosoph):  Kultureller Pluralismus könne eine  historisch begründete Gegebenheit sein, solle aber aus ethischen Gründen kein politisches Ziel darstellen, weil er Konfliktpotential vergrößere. Das katholische Christentum unterscheide im Rahmen des Gedankens der „Ordo Amoris“ in ethischen Fragen nach dem Grad der Nähe, wo aus praktischen Gründen nicht alle Menschen gleich behandelt werden könnten.
  • Frantisek Radkovsky (Bischof/Pilsen): Multikulturalismus führe zu Identitätsverlust in Europa, und islamische Zuwanderung habe in diesem Zusammenhang negative Folgen. In diesem Zusammenhang sprach er auch von einem Aussterben Europas in Folge einer negativen Haltung zu  Familie und Kindern.
  • Raymond Burke (em. Kardinal und Erzbischof sowie Kardinalpatron des Malteserordens): Sorgen vor Islamisierungstendenzen seien angesichts der Lage begründet. Der Islam strebe politische Herrschaft an, und der wachsende Anteil von Muslimen in westlichen Gesellschaften sei in diesem Zusammenhang ein Problem. Westliche Gesellschaften müssten diesen Tendenzen durch Wiederanbindung an ihre christlichen Wurzeln begegnen.
  • Antonio Cañizares Llovera (Erzbischof/Valencia): Die seit 2015 laufende Migrationswelle stelle eine „Invasion der Einwanderer“ dar, die sich als „trojanisches Pferd“ erweisen könnten.
  • Bechara Boutros Rai (Kardinal): Die laufende Welle islamischer Migration nach Europa seien Teil der Expansion dieser Religion. Durch die Kombination von Migration sowie höheren Geburtenraten und stärkerer religiöser Bindung bei Muslimen drohe eine Islamisierung Europas.
  • László Kiss-Rigó (Bischof/Szegedin-Tschanad, Ungarn): Die seit 2015 laufende Migrationswelle aus dem Nahen Osten sei eine „Invasion“ und stelle eine Bedrohung für das Christentum in Europa dar.
  • Jean-Clément Jeanbart (Erzbischof der Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche. Aleppo): Teile der Kirche in Europa seien im Umgang mit dem Islam zu sehr der politischen Korrektheit verpflichtet. Die voraussetzungslose Aufnahme muslimischer Migranten werde für Europa noch gravierende Folgen haben. Anschläge wie die in Paris gäben einen Ausblick auf das, was Europa noch bevorstehe.
  • Bashar Warda (Erzbischof/Erbil, Irak): Es sei verständlich, dass angesichts der Bedrohung durch Terrorismus Menschen in Europa Sorgen bzgl. muslimischer Migranten empfänden.
  • Carlo Liberati (Erzbischof und em. Prälat/Pompei, Italien): Islamische Zuwanderung, demographische Entwicklung und Säkularismus drohten, Italien zu einem nichtchristlichen Land werden zu lassen. Migration in der gegenwärtigen Form schade zudem dem Gemeinwohl.
  • Samir Khalil Samir (Jesuit und Professor am Päpstlichen Orientalischen Institut): Europa verhalte sich ignorant gegenüber der Herausforderung durch den Islam. Der Islam sei aufgrund seiner kulturellen Gegensätzlichkeit allenfalls schwer in Europa integrierbar. Entsprechende Konflikte würden die große Herausforderung unserer Zeit darstellen. Die Politik in Europa handele unmoralisch wenn sie dies im Versuch ignoriere, muslimische Migranten als Wähler zu gewinnen. (ts)

2 Kommentare

  1. Ich finde, dass diese kritischen Mahnworte einen Dialog mit unzutreffenden Begrifflichkeiten suchen und ihn in der Konsequenz nie führen werden können. Nebst bereits bekannten Gegenwartskritikern, machen auch diese kirchlichen Stimmen den Fehler und vertauschen Ursache mit Wirkung. Der Fokus von Einwanderungskritik seitens der Kirche und ihren politischen Pendants sowie meinungstragenden Gestalten richtet sich stets an die Auswirkungen; Islamisierung, kulturelle Auflösung etc. Dieser verkehrten Wahrnehmung entsprechend sind die Lösungsansätze unscharf geraten. Mehr Kirche! Mehr Würstchen! Mehr Flaggen! Ja zum Sport! Nein zum Islam!

    Wer sich noch Heute weigert, den Fokus und damit auch die Rhetorik an die Ursachen anzupassen, der baut Bunker auf Inseln ohne Kokosnüsse. Populäre Beispiele wie Trump, Orban oder die „Säuberung“ der Journalie in Polen versetzen den internationalen Medienapparat in Angst und Panik – zu Recht! Denn diese Beispiele reden nicht nur von Islamisierung, sondern zeigen mit dem Finger auf die globale Finanz, Rüstungsindustrie und natürlich den Affenstall namens „unabhängige Presse“. Das treibt entsprechenden Cliquen die Schweissperlen auf die Stirn, wohingegen eine verfehlte Anmahnung von kulturellen Verfallserscheinungen den Schweiss wieder trocknen lässt – denn diese Debatten hat man fest im Griff.

    Deshalb finden die soften Missbekundungen, wie PEGIDA oder Stimmen aus dem geistlichen Raum, per Definition in einem kontrollierten Umfeld statt und dort bleiben sie auch. Es ist als wenn man die Deutsche Bank bitten würde, all ihre wirtschaftsschädigenden Börsenspekulationen zu publizieren und Geldstrafen gegen sich selbst zu verhängen. Genauso verhält es sich mit Kritik am Islam, der nicht die Ursache, sondern die Wirkung ist.

    Oder auf gut amerikanisch: Wenn man beim Pokern offenkundig beschissen wird, ist es ratsam, dem Dealer in die Eier zu treten, statt sich jede Runde hoffnungslos über die schlechten Karten zu beschweren.

  2. Diesen teilweise sehr klugen Äußerungen, die bereits das Gegenwärtige und Kommende im Auge hatten, besonders die Äußerung Benedikts VI., sind leider unzählige Äußerungen unzähliger Offizieller und Hochoffizieller entgegenzuhalten.

    Es ist gerade die Institution Kirche, die das Gegenteilige verkörpert.

    Konstantinopel.

    Bevor die (römische) Kirche als Institution eine Rettung darstellen kann, muß diese vor Ihren eigenen Vertretern erettet werden, oder sogar vor sich selbst?

    Eine der Institution entledigten Lehre, als Essenz und Quelle eines Neualten kommt ja ohne selbige nicht aus. Es bedürfte einer „Reformation“. Das wäre wohl sich selbst ins Absurde führen, wiewohl ich nichts dagegen hätte.

    Es bedarf ZUERST der inneren Revolution in der Amtskirche oder eine Untergrundkirche, quasi als heutige „urkatholische“ Kopie der verbliebenden Urchristen nach der konstantinischen Zwangsvereinigung selbiger mit dem römischen Staatskult zum Katholizismus.

    Als Protestant geht das mit der Institutionslosigkeit allerdings ganz bequem. Hier stellt schon eher die Frage, wo der Hebel sein soll, mit dem man das Geistige ins Reale übertagen könnte: Der Große Kurfürst ist ja nun leider so wenig wieder auferstanden, wie Barbarossa aufgewacht.

    An starken persönlichkeiten wird es hängen. In Deutschland noch keine in Sicht.

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